Archive for the 'Autocracy' Category



Frühling – ja, aber wo? Russland im 21.Jhrhundert

Russland hat sich zu einer modernen Autokratie entwickelt. Lassen sich Chancen für eine Demokratisierung entdecken? Nein, auch unter dem Eindruck der vorschnell als russicscher Frühling im Winter bezeichneten Proteste rund um die Wahlen zur Staatsduma im Dezember 2011 und die Präsidentschaftswahlen im März 2012 nicht. Die Ursachen dafür sind vor allem eine konsequente institutoionelle Restrukturierung sowie die enormen Einkünfte aus Rohstoffrenten, welche dem Regime Handlungsspielräume eröffnen. Beide ermöglichen eine Absicherung des Herrschaftssystems, die insgesamt wenig Hoffnung auf baldiges “Tauwetter” macht.

Finden Sie den gesamten Beitrag hier:

Rolf Frankenberger (2012): Frühling – ja, aber wo? Russland im 21. Jahrhundert. Gesellschaft-Wirtschaft-Politik (GWP) Heft 2/2012, S.192-203.

Eine PDF-Version wird alsbald zur Verfügung gestellt.

Postautokratie? Zum Stand vergleichender Autokratieforschung – Call for Papers

Der AK Vergleichende Diktatur- und Extremismusforschung der DVPW beteiligt sich mit einem Panel an der Tagung “‘Prädemokratie’, Postdemokratie’, ‘Autokratie’? Zum Stand vergleichender Herrschaftsforschung.” der Sektion Vergleichende Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg, vom 29. bis 31. März 2012:

“Postautokratie? Zum Stand vergleichender Autokratieforschung”

Business as usual, das schon lange beschworene „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) oder schlicht eine fünfte Welle der Demokratisierung? Der „arabische Frühling“ birgt Stoff für Diskussionen. Ebenso wie die Demokratieforscher angesichts der anhaltenden Dauerhaftigkeit autokratischer Regime in China, Russland und anderswo zunehmend in Erklärungsnot gerieten, erwischte das Scheitern einiger der dauerhaftesten autoritären Regime im arabischen Raum einen großen Teil der AutokratieforscherInnen auf dem falschen Fuß. Kaum einer erwartete einen nahen demokratischen Aufbruch in der arabischen Region. Angesichts der ambivalenten Entwicklungen – kein Aufstand im arabischen Raum endete bislang in einer gefestigten Demokratie – und dem ebenso ambivalenten Echo der Öffentlichkeit hinsichtlich politikwissenschaftlicher Forschungs- und Prognoseleistungen erscheint es angebracht, über Stand, Leistungen und Herausforderungen der Autokratieforschung zu diskutieren:

• Welche Theorielücken muss die Autokratieforschung noch schließen, um ihre Prognosefähigkeit zu verbessern?
• Kamen die Ereignisse im arabischen Raum wirklich überraschend? Was haben Länder- und Regionalexperten zu sagen?
• Steht zu erwarten, dass die jüngsten Entwicklungen wirklich in einer Demokratisierung der arabischen Welt münden oder ist eine Dauerhaftigkeit der Ölmonarchien und eine Reautokratisierung der übrigen Staaten zu erwarten?
• Welche Konsequenzen sind aus den Erkenntnissen zu ziehen in forschungsstrategischer ebenso wie in normativer Hinsicht?

Für diese und andere Fragen soll das Panel im Sinne einer Nabelschau der AutokratieforscherInnen eine Diskussionsplattform bieten. Theoretisch wie empirisch fundierte Beiträge sind willkommen

Vorschläge für Beiträge im Umfang von ca. 4000 Zeichen sowie eine Kurzvita im Umfang von maxima 1000 Zeichen werden erbeten bis zum 09.11.2011 per mail an: rolf.frankenberger@uni-tuebingen.de und kailitz@hait.tu-dresden.de.

The Governmentalities of Dictatorship – Call for Papers IPSA 2012

Fortunately, my panel proposal for the IPSA 2012 Conference in Madrid entitled “The governmentalities of Dictatorship” has been accepted. It has the following focus:

Contemporary comparative research on Dictatorships is strongly focused on political regimes, institutions, mechanisms of power exertion, and the rational / public choice models. This research offers a richness of insights and data, that can be used for assessing Autocracies. But, as a consequence, individuals as objects and subjects to power are mostly neglected. The same applies to the interrelations of of politics and other spheres of transnationalising and technologising societies. In order to intergate existing research into a broader strategy of understanding the logics of power and domination, it seems to be fruitful to use the methodological and theoretical richness of political and social sciences.This panel intends to offer a platform of discussing especially post-structuralist and postmodernist methodological and theoretical approaches (e.g. from Foucault to Lyotard, from Chomsky to Baudrillard) for assessing the varieties of dictatorship. Both, papers focussing on theoretical reflection and on empirical results are welcome in order to gather a different view on the governmentalities of dictatorship.

If you are interested to pareticipate with a paper – that indeed has to be of high quality and deal with the respective topics – please feel free to contact me immediately and send me a paper proposal or upload it directly at the IPSA Page to RC 36, Panel The governmentalitiues of Dictatorship. The deadline is October 17. (but might be extended…).

Stabilität und Wandel autoritärer Regime – Syrien und darüber hinaus

Unter dem Titel “Wann fällt Assad? Anatomie einer Diktatur” stand die Sendung “Der Tag” in HR2 am 04.04.2011. In mehreren Beiträgen, unter anderem von Guido Steinberg (SWP) und Peter Steinbach (Universität Mannheim) wurde insbesondere am Beispiel Syriens der Frage nach Stabilität und Wandel autoritärer Regime nachgegangen. Besonders relevant ist dabei die politikwissenschaftlich-theoretische  Perspektive nach Faktoren von Persistenz und Wandel, welche im letzten Beitrag diskutiert wurde.

Ein politisches Regime erhebt den Anspruch und hat die Aufgabe einen Staat zu lenken, zu steuern. Dazu gehört im klassischen politikwissenschaftlichen Verständnis, dass das Regime mithilfe des Gewaltmonopols Herrschaft über ein Staatsterritorium und ein Staatsvolk ausübt. Denkt man ausder Perspektive der BürgerInnen eines Staates, so verknüpfen sie mit Staat und Regierung bestimmte Ansprüche und Aufgaben, unter anderem der Garantie innerer und äußerer Sicherheit, der Gewährleistung eines bestimmten Grades an Wohlfahrt, Infrastruktur, politischer und kultureller Integration. Sehr verkürzt könnte man argumentieren, dass ein Regime solange persistent ist, solange es ein aus Sicht der BürgerInnen ausreichendes MAß an Performanz hinsichtlich dieser Funktionen hat…

Darüber hinaus zeichnen sich aus politikwissenschaftlicher Perspektive vier zentrale Faktoren für Persistenz und Wandel ab:

  1. Politische Legitimität
  2. Modernisierungs- und Anpassungsfähigkeit
  3. Repressionsfähigkeit
  4. Externe Einflüsse

Da sich in der Regel für jedes Regime spezifische Konfigurationen der vier Faktoren identifizieren lassen, ist es schwierig, allgemeine Aussagen über Zeitpunkte von Überdauern und Wandel zu treffen. Sicher ist jedoch, dass in Diktaturen ein Mangel an Legitimität, Unterstützung sowie Modernisierungsfähigkeit meist mit Repression ausgeglichen wird. Wie lange ein Regime dazu in der LAge ist, eine Bevölkerung zu unterdrücken, hängt dann von der Repressionskapazität – insbesondere der Kontrolle über Militär und Geheimdienste – und der möglichen externen Intervention ab.

Hören Sie die komplette Sendung von HR2 “Der Tag” vom 04.04.2011 mit dem Titel “Wann fällt Assad? Anatomie einer Diktatur”

Ein paar Literaturvorschläge:

  • Gandhi, Jennifer (2008): Political Institutions under Dictatorship. New York: Cambridge University Press.
  • Gandhi, Jennifer / Przeworski, Adam (2006): Cooperation, Cooptation, and Rebellion under Dictatorships. Economics & Politics 18, 1, S. 1-26.
  • Geddes, Barbara (1999): What We Know About Democratization After Twenty Years? Annual Review of Political Science 2, S. 115-144.
  • Hadenius, Axel / Teorell, Jan (2007): Pathways from Authoritarianism. Journal of Democracy 18, 1, S. 143-156.
  • Schlumberger, Oliver (2004): Political Liberalization, Authoritarian Regime Stability, and Imitative Institution-Building: Towards a Formal Understanding. Konferenzpapier, präsentiert im 5. Mediterranean Social and Political Research Meeting am Robert Schuman Centre, European University Institute, Florenz.
  • Schlumberger, Oliver (Hrsg.) (2007): Debating Arab Authoritarianism. Dynamics and Durability in Nondemocratic Regimes. Palo Alto: Stanford University Press.

Bad Guys, Good Governance? Ein Konferenzbericht von der IPSA-ECPR Joint Conference, 16.-19.Februar 2011 in Sao Paulo, Brasilien.

Bei der gemeinsamen Konferenz der International Political Science Association (IPSA) und dem European Consortium on Political Research (ECPR) vom 16.-19-Februar 2011 in Sao Paulo, Brasilien organisierten Daniel Buhr und Rolf Frankenberger ein Panel und hielten zwei Vorträge.

Ausgangspunkt des von Daniel Buhr und Rolf Frankenberger geleiteten Panels  „Bad Guys, Good Governance? Political Economies of Autocracies“ war die immer wieder diskutierte These Ronald Wintrobes: „Autocracies have a greater capacity for action, good or bad“ (Wintrobe 1998:338). Damit rückte die Frage nach Mechanismen von Koordination, Regulation und Steuerungsleistungen an der Schnittstelle von Politik, Ökonomie und Gesellschaft ins Zentrum des Interesses der politischen Ökonomie. Genau hier setzten auch die Beiträge des Panels aus ganz unterschiedlichen Perspektiven an.

In ihrem stark theoretisch-konzeptionell ausgerichteten Beitrag „Varieties of (incorporated) capitalism” brachten Daniel Buhr und Rolf Frankenberger zwei zentrale Forschungsrichtungen zusammen, um sich den Governance-Mustern in Autokratien zu nähern.  Dabei argumentierten sie, dass Autokratien spezifische Governance-Modi entwickeln, um eine für die Vermeidung von Gewaltanwendung ausreichend hohe ökonomische Performanz zur Herrschaftssicherung zu erzielen. Autokratien tendierten dazu, die ihnen zur Verfügung stehenden Rohstoffe und Produkte über den Wettbewerb an den internationalen Märkten zur Wohlfahrtsmaximierung zu nutzen. Dabei sei die kapitalistische Perspektive im Unterschied zu anderen, demokratischen Systemen eine ausschließlich externe, während nach innen durch Kooptation und Zwang kompetitive Vorteile generiert würden. Aus dieser Perspektive werde die Maximierung von Einkommen zur Wohlfahrtsfunktion und Staaten ähnelten so Unternehmen. Durch diese Erweiterung des traditionellen Varieties of Capitalism-Ansatzes von Hall und Soskice um Kapitalismen in autokratischen Systemen werde es möglich, eine weitere Welt des Kapitalismus zu konzeptionalisieren. Der Typus des Inkorporierten Kapitalismus operiere nach innen durch bürokratische oder patrimoniale Governance-Modi (Kooptation von Unternehmen durch den Staat), während er nach außen hoch kompetitiv agiere, um ein Maximum an privaten und öffentlichen Gütern zu generieren.

Krister Lundell von der Åbo Akademi University in Helsinki beschäftigte sich in seinem Vortrag “Autocratic Stability and Democratization“ mit den Bedingungen autoritärer Stabilität und demokratischer Perspektiven. Dabei berücksichtigte er in seinem Vergleich von 39 stabilen und 38 ehemaligen Autokratien insbesondere Governance-Faktoren und ökonomische Performanz dieser Regime. Dabei konnte hinsichtlich des Entwicklungsstands kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen nachgewiesen werden. Dies spreche, so Lundell einerseits dafür, dass auch Autokratien einen gewissen Modernisierungsgrad aufweisen müssten, um stabil zu sein und widerlege andererseits das modernisierungstheoretische Mantra, Entwicklung führe automatisch zu Demokratisierung. In Bezug auf ökonomische Freiheit konnte er für ehemalige Autokratien einen höheren Wert nachweisen, was zwar für einen höheren Grad an internem Kapitalismus spricht, aber offensichtlich keine Auswirkungen auf die Gesamtperformanz der jeweiligen Ökonomien hat. Dies deutet darauf hin, dass in beiden Gruppen unterschiedliche Steuerungsmechanismen und Governance-Muster exisitieren, die jedoch ähnlich performant sind.

Unter dem Titel “The Political Economy of Social Violence” stellten Kristian Hoelscher von der Unviersität Oslo und Sean Fox von der London School of Economics and Political Science die Ergebnisse einer Querschnittuntersuchung zum Zusammenhang zwischen Regimetypen und sozialer Gewalt vor. Trotz  nicht immer befriedigender Datenlage und diskutabler Auswahl und Operationalisierung der unabhängigen Variablen konnten sie eindrucksvoll aufzeigen, dass insbesondere solche Regime anfällig für soziale Gewalt sind, die sich in der Grauzone zwischen Demokratien und Autokratien bewegen. Interessanterweise waren es die o genannten „partial democracies“, die am meisten von sozialer Gewalt betroffen sind, während konsolidierte Demokratien und Autokratien mit deutlich geringeren Ausmaßen sozialer Gewalt, gemessen an Morden pro 100000 Einwohnern, zu kämpfen haben. Die Ergebnisse der Studie weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Regimetyp, Armut, Ungleichheit, ethnischer Fraktionalisierung und sozialer Gewalt hin, deren kausales Verhältnis, so die Autoren, nun weiter untersucht werden müsse.  Es gebe jedoch deutliche Hinweise, dass schwache Insitutionalisierung und unsichere Entwicklungsperspektiven wichtige Erklärungsfaktoren seien. Diese Befunde stützen zumindest teilweise die These Wintrobes und zeigen deutlich, dass Autokratien auch enorme soziale Steuerungsleistungen erbringen können.

Zwei Kurzpräsentationen ergänzten das Panel um weitere inhaltliche Dimensionen. Steffen Jenner, Mathias Gabel (Universität Tübingen), Stephan Schindele (ESB Business School Reutlingen) und Gabriel Chan (Harvard University) untersuchten anhand der stetig mehr Energie benötigenden BRIC-Staaten, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Governance-Modi und der Angebotssicherung von Energie existiert. Bei der Analyse zeigte sich, dass in beiden Autokratien – Russland und China –  eine starke räumliche Ballung der Energieproduktion zu finden ist. Darüber hinaus kontrollierten Russland 96 und China 100 Prozent der nationalen Energienetze. Im Gegensatz dazu sei das indische Staatssystem (48%) mit starker privater Konkurrenz konfrontiert, während in Brasilien 64% der urbanen Versorgung staatlich sein und ansonsten lokale, dezentralisierte Netze dominierten.  Damit sei der Befund eindeutig: In Autokratien findet sich stärkere Konzentration und umfassende staatliche Kontrolle des Energiesektors und damit ein distinkter Governance-Modus, kurz: „Power is nothing without control“.  Dieser Befund lässt sich indirekt auch auf die Inkorporation von Innovationssystemen in Autokratien bestätigen, wie Patricia Graf von der Universität Potsdam am Beispiel Mexikos unter der Partido Revolucionario Institucional (PRI) aufzeigte. Die Inkorporation des Innovationssystem könne als ein Musterbeispiel sektoraler  Herrschaftsstabilisierung und Legitimierung gelten, habe es sowohl eine langfristige als auch sehr breite Wirkung entfaltet. Dies sei  insbesondere durch die Einbindung aller relevanten Akteure aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Bauernverbänden sowie der Schaffung von Institutionen  bei gleichzeitiger Verhinderung horizontaler Netzwerke geschehen. Letztlich, so Graf, sei dieses System auch nach der Demokratisierung Mexikos persistent und perpetuiere so autoritäre Governance-Modi.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sowohl die konzeptionellen Überlegungen als auch die empirischen Befunde fruchtbare Perspektiven zur Erforschung politischer Ökonomien von und in Autokratien eröffnen. Es wurde auch diskutiert, dass es weiteren Bedarf an empirischer und dabei insbesondere auch qualitativer Forschung gibt, es aber auch konzeptioneller Verfeinerung bedarf, um „Good Governance in Bad Worlds“ präziser zu fassen.  Dabei wurde unter anderem eine schlüssige Konzeptionalisierung und Unterscheidung von Autokratietypeneingefordert, um unterschiedliche Governance-Modi  klarer fassen zu können. Wie so oft gilt auch hier: Further research needs to be done!


Categories