Archive Page 16

Studierfähigkeit testen.

Der Hochschultag  2011 im Rahmen der Didacta stand unter dem Motto „Studierfähigkeit heute“.  Dort  und in einem Interview mit SWR2 stellte Rolf Frankenberger den Studierfähigkeitstest des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Tübingen als Best-Practice Beispiel vor.

Doch was bedeutet Studierfähigkeit heute eigentlich? Sicherlich: Sprachkompetenz in den Sprachen Deutsch und Englisch sowie mathematische und formal-logische Fähigkeiten. Dafür ist die Note der Hochschulzugangsberechtigung ein guter Indikator. Aber auch: Selbstverantwortlichkeit und Eigenständigkeit. Und: stärker fachspezifische Kompetenzen. Für die Politikwissenschaft  (und andere Fächer) sind dies etwa:

  • Argumentationsfähigkeit, – nicht nur Thesen aufzustellen, sondern diese auch empirisch begründen und belegen zu können.
  • Schnelle Auffassungsgabe.
  • in Zusammenhängen denken zu können und Querverbindungen erkennen zu können.
  • Analytisches Denken und Urteilsfähigkeit.

Fachspezifische Kompetenzen prüft das Institut für Politikwissenschaft sehr erfolgreich über einen eigenen Studierfähigkeitstest. Ein Beispiel:

Bei der Begutachtung bewerten die Korrekturteams die inhaltliche Seite der Antwort, Darstellung und Logik der Argumentation und die eigene Positionierung.  Bei der Motivationsfrage wird die die Plausibilität der Begründung bewertet.

Der Einsatz lohnt sich.  Denn so können BewerberInnen mit einem sehr guten Test ihre Chancen verbessern. Und der Test zeigt, welche Voraussetzungen und Vorstellungen die potentiellen und künftigen Studierenden mitbringen. Dadurch können die  einführenden Veranstaltungen ganz anders auf die Bedürfnisse abgestimmt werden.

Denn auch wenn der Studienerfolg nach wie vor stark Selbstverantwortlichkeit und Eigenständigkeit abhängt, so unterliegen sowohl Anforderungen und Rahmenbedingungen als auch Ansprüche und Qualifikationen der StudienbewerberInnen ganz unterschiedlichen Veränderungsprozessen.

So werden die Studierenden durch die Bologna-Reformen etwa mit einem permanenten Leistungsabruf konfrontiert, der dem schulischen System auf den ersten Blick sehr ähnelt und zu veränderten Erwartungshaltungen führt, denen die Universität mit ihrer Logik von Lernen und Lehren nicht entsprechen kann und soll.

Auch wenn durch die Umstellung von Bildungsplänen und die Integration von Fach- und Projektarbeiten vieles angepackt wurde, ließe sich die Studierfähigkeit deutlich verbessern: So sollten Selbständigkeit, kritisches Analysieren und reflektierendes Argumentieren in Schule, Familie und Gesellschaft stärker gefördert werden.

Vor allem wäre eine engere Vernetzung von Schule und Universität anzustreben. Denn oft haben die StudienanfängerInnen nur unzureichende Vorstellungen davon, wie es an einer (Massen-) Universität zugeht. Beispiele und Pilotprojekte gibt es. Stellvertretend für die systematische Vernetzung von Schule und Hochschule sei hier das Projekt UNI TRAINEES (link: http://www.uni-due.de/uni-trainees/projekte/index.shtml)   genannt.

Bad Governance? Ein – etwas verspäteter – Tagungsbericht

Ein Bericht vom Panel der Themengruppe „Vergleichende Diktatur- und Extremismusforschung“ bei der Sektionstagung „Vergleichende Politikwissenschaft“ der DVPW, 20.-22.9.2010, Duisburg.
Unter dem Titel „Bad Governance? Politik und Ökonomie in Autokratien“ organisierten und moderierten für die Themengruppe Daniel Buhr und Rolf Frankenberger (Universität Tübingen) ein eigenes Panel. Während klassische Definitionen von Regieren in der Regel nur in demokratischen Gesellschaften, und häufig unter einer normativ geprägten Perspektive (Good Governance) analysiert werden, erschien es lohnenswert, folgende Fragestellungen unter einem ganz im Weberschen Sinne neutralen analytischen Blickwinkel zu betrachten und auf moderne Autokratien auszuweiten:
(1) Wie gestalten sich die Interaktionsmuster von Politik und Ökonomie in modernen Autokratien?
(2) Gibt es in autokratischen Systemen ähnliche Steuerungsmechanismen wie in demokratischen Systemen – oder bilden sich spezifische Governancemuster heraus?
(3) Wer sind die zentralen Akteure und Netzwerke obiger Austauschbeziehungen?
Mit diesen Leitfragen an der Schnittstelle von Diktatur und Kapitalismus setzten sich die Referenten jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Dabei lag der Fokus des Panels neben konzeptionellen Überlegungen vor allem auf der Analyse von Entwicklungen und Prozessen der Steuerung in Zentralasien, in China und dessen Nachbar-staaten sowie der Energiepolitik Russlands und Chinas im Vergleich.
Nach einer kurzen Einführung widmete sich Jörg Faust vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) der Frage, warum einige Autokratien über längere Zeiträume über-durchschnittlich stark wachsen und so die Versorgung mit öffentlichen Gütern verbessern und damit letztlich „attraktive Fälle“ bzw. Vorbilder für solche Regierungen darstellen, die Demokratisierung scheuen. Auf der Basis von Überlegungen und Erkenntnissen von Public Choice und Selectorate Theorie entwickelte Faust die These, dass die Erfolge nur damit zu erklären sind, dass insbesondere so genannte „kompetitive Autokratien“ partielle Ähnlichkeiten bzw. funktionale Äquivalenz zu Demokratien aufweisen und ähnliche Mechanismen nutzen, um auf diese Weise von einer verbesserten Bereitstellung öffentlicher Güter zu profitieren. Die Unterschiede zwischen den Autokratien führt Faust auf Divergenzen hinsichtlich der Inklusivität und der Existenz von Checks & Balances zurück, wobei gilt: je höher die Inklusivität und je größer die Checks & Balances in Autokratien, desto besser die Performanz. Regime mit ho-hem Grad an organisatorischer Institutionalisierung und geringer Abhängigkeit von einem Führer stellen den Typus „attraktiver Autokratien“ dar, welche anhand der Fallbeispiele Mexiko (1945-1965) sowie gegenwärtiges China illustriert wurden.
Auch Julia Bader vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) argumentierte auf der Basis der Selectorate Theorie, um eine neue Perspektive auf autokratische Stabilität zu eröffnen. Dabei rückte sie die Frage externer Systemproliferation ins Zentrum ihrer Untersuchung und entwickelte die These, dass Autokratien leichter zu beeinflussen und auszubeuten sind, da die Machthaber in solchen Regimen vergleichsweise weniger auf die Verteilung und Produktion öffentlicher Güter zurückgreifen können, indes von der Verteilung privater Güter abhängig sind. Je kleiner die gesellschaftliche Basis des Regimes, desto abhängiger ist das Regime von der Befriedigung der Interessen durch die Verteilung privater Güter, die wiederum generiert werden müssen (etwa durch politische Renten). Bader illustrierte am Beispiel der Außenpolitik Chinas ge-genüber der Monglolei, Kambodscha und Burma, wie die Größe der gesellschaftlichen Basis des jeweiligen Regimes die Einstellungen gegenüber der Ein-China-Politik, dem Zugang zu Ressourcen und geostrategischen Interessen beeinflusst. Während sich das mongolische Regime mit seiner breiten Herrschaftsbasis chinesischen Interessen wi-dersetzt, erweisen sich die Regime mit kleiner Machtbasis – Burma und Kambodscha – als fügsame Partner.
Den Fokus auf Herrschafts- und Umverteilungsmechanis-men im zentralasiatischen Raum legte Inna Melnykovska von der Universität Kiel mit der Vorstellung von Ergebnis-sen eines gemeinsamen Projekts mit Andrea Gawrich (Universität Kiel) und Rainer Schweickert (Kiel Institute for the World Economy) unter dem Titel „More than Oil and Democracy“. Da auf der Basis einer Regressionsanalyse hinsichtlich des Einflusses von Resourcenrenten, internationaler Finanzhilfen, interner Spannungen und Konflikte, Kohä-sionsgraden und der Distanz zu westlichen Integrationssysteme auf die Qualität von Governance (WBGI-Indikator) sich im postsowjetischen Raum große Heterogenitäten und unerklärte Abweichungen zeigten, müsse eine weitere Einflussgröße für diese Varianz verantwortlich sein. Melny-kovska argumentierte, die regionalen und länderspezifischen Unterschiede in Governance-Mustern ließen sich über die Dimension des Neopatrimonialismus erklären und schlug eine Klassifikationsmatrix entlang der Dimensionen politischer Wettbewerb, informelle und formale Machtak-kumulation sowie paternalistische Mentalitäten vor, die eine Einteilung in sultanistische (Usbekistan, Turkmenistan), oligarchische (Kirgisistan, Kasachstan, die Ukraine vor der Revolution, Russland (Jelzin), bürokratische (Russland seit Putin) und softe Neopatrimonialismen (Georgien, die Ukraine nach der Revolution, Moldawien) erlaube und so unterschiedliche Governance-Mechanismen beleuchten könne.
Einen gänzlich anderen Blickwinkel auf Governance-Strategien in Autokratien nahm Stephan Ortmann von der FernUniversität Hagen ein. Er stellte die Ergebnisse einer Untersuchung chinesischer Fachliteratur vor, die sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit chinesische Offizielle und Wissenschaftler sich mit Singapur, dem Erfolgsmodell au-toritärer Entwicklung der letzten Jahre, auseinandersetzen. Damit rückte er die Lernfähigkeit des chinesischen Regimes ins Zentrum seines Interesses und kam zu dem Ergebnis, dass das Singapur-Modell chinesischen Offiziellen als Leitbild dient(e) und dass chinesische Wissenschaftler sich umfassend mit den Erfolgsfaktoren dieses Modells auseinandersetzen, u.a. die rigorose Bekämpfung von Kor-ruption durch konsequente Verfolgung derselben. Ortmann kam zu dem Schluss, dass China substantielle politische Reformen sowie ein schnelles Vorgehen gegen die zuneh-mende Korruption einleiten müsste, um dem Singapur-Modell zu folgen. Allerdings sei nicht erkennbar, dass die Kommunistische Partei Chinas zu Reformen bereit sei, was einen Erfolg unwahrscheinlich mache.
Den Blick von China auf die Frage der Energieversorgung und Energiesicherheit in Autokratien weitend, stellte Steffen Jenner von der Universität Tübingen ein gemeinsam mit Mathias Gabel (Universität Tübingen), Gabriel Chan (John F. Kennedy School of Government, Harvard University) und Stephan Schindele (HSB Business School Reutlin-gen) durchgeführtes Projekt zu Governance und Energiesi-cherheit in den BRIC-Staaten vor. Ausgehend von einer wachsenden Nachfrage nach Energie stelle sich die Frage, ob es seine Beziehung zwischen Governance-Modi und der Herstellung von Energiesicherheit gebe, wobei normaler-weise vier Maßnahmen im Mittelpunkt stünden: Bildung von Reserven, Sicherung des Netzes, Dekonzentration und Dezentralisierung der Produktionsstätten. Als gemeinsames Muster ließ sich identifizieren, dass alle Regierungen der BRIC-Staaten die Mehrheitsanteile an den nationalen Öl- und Gasunternehmen hielten, während sich hinsichtlich des Versorgungsnetzes deutliche Unterschiede zeigten, die mit dem Autokratiegrad korrelierten: Einerseits besitzen Russ-land 96% und China 100% des nationalen Versorgungs-netzes, während Indien 48% besitze und starker Konkurrenz ausgesetzt sei und Brasiliens rurale Regionen von lo-kalen Netzen abhingen. China und Russland produzierten im Vergleich zu Brasilien und Indien zudem mehr als vier-mal mehr Energie und konzentrierten ihre Produktion zum Zwecke der Kontrolle. Das für Autokratien generell gelten-de Governance-Muster der umfassenden Kontrolle stelle somit das zentrale Steuerungsmittel für die Herstellung von Energiesicherheit.
Den Abschluss des Panels bildete eine offene Diskussion, in der mehrere Punkte herausgehoben wurden. Erstens, dass es eine ganze Reihe hoch interessanter Forschungsansätze gibt, welche sich bemühen, sich dem Verhältnis von Politik und Ökonomie in Autokratien empirisch wie konzeptionell zu nähern. Insbesondere ökonomische Theorien scheinen dabei aufgrund ihres zunächst wertfreien Zugriffs beson-ders geeignet zu sein. Daher sollten diese in Zukunft auch verstärkt in die Untersuchung von Autokratien eingebun-den werden. Zweitens erscheint die Perspektive der Steue-rung ein erstaunlich fruchtbarer Zugriff auf informelle Prozesse und Strukturen in Autokratien zu sein. So erscheinen unterschiedliche Formen des Neopatrimonialismus in die-sem Lichte als komplexe Regelungs- und Umverteilungssysteme innerhalb autoritärer Gesellschaften. Verbindet man etwa die präsentierten Ansätze der Selectorate Theory mit Ansätzen neopatrimonialer Herrschaft, so erscheinen letztere als Mechanismen der Verknappung oder Verbreite-rung der Basis politischer Herrschaft, also des Selectorate, und ermöglichen eine Unterscheidung politischer Systeme jenseits des Vorhandenseins bzw. der Abwesenheit demokratischer Merkmale, wie Jörg Faust und Rolf Frankenberger betonten. Drittens werden alle Kernfragen tangiert, die in der vergleichenden Analye politischer Systeme – seien es Demokratien oder Autokratien – virulent sind: Perfor-manz, Responsivität, Accountability, Legitimität und nicht zuletzt die Frage nach der Grundausrichtung der Beschäftigung mit Autokratien. Soll diese aus einer normativ geprägten demokratisierungstheoretischen Perspektive der Wünschbarkeit von Demokratisierung und der Ergründung der Bedingungen einer solchen heraus geschehen oder soll zunächst das distanzierte Erfassen, Analysieren und Verstehen der vorgefundenen Phänomene im Vordergrund stehen. Und nicht zuletzt erscheint die Frage der Typologisierung politischer Systeme nicht gelöst.

Tagung der Sektion „Vergleichende Politikwissenschaft“ der DVPW

Thema der diesjährigen Sektionstagung vom 20.09-22.09.2010 in Duisburg ist “Regieren, Government, Governance – Institutionen, Akteure und Politikfelder in Vergleichender Perspektive”. Das ausführliche Programm findet sich hier. Bei der Tagung werden Daniel Buhr und ich das Panel “Bad Governance – Politik und Ökonomie in Autokratien” leiten. Folgende Beiträge stehen auf der Tagesordnung:

  • Dr. Jörg Faust (DIE): Political Order and Economic Development. Democracy’s Dividend vs. Attractive Democracies [Jörg Faust musste seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen absagen]
  • Julia Bader (DIE): The Selectorate theory, domestic distribution and the external exploitation of autocratic governments
  • Andrea Gawrich, Inna Melnykovska (Christian-Albrechts-Universität Kiel), Rainer Schweickert (Kiel Institute for the World Economy): More than Oil and Geography – Neopatrimonialism as an Explanation of Bad Governance and Autocratic Stability in Central Asia
  • Stephan Ortmann (FernUniversität Hagen):The Futire of the Authoritarian Developmental State. China and the “Singapore model”
  • Steffen Jenner, Mathias Gabel (Eberhard Karls Universität Tübingen), Gabriel Chan (John F. Kennedy School of Government, Harvard University) Stephan Schindele (HSB Business School Reutlingen):Machiavelli zieht den Stecker!

Autoritarismus reloaded

Out now:

Holger Albrecht / Rolf Frankenberger (2010) (Hrsg.): Autoritarismus Reloaded. Neuere Ansätze und Erkenntnisse der Autokratieforschung, Baden Baden: Nomos, 408 S., brosch., 44,– €, ISBN 978-3-8329-5541-0 (Weltregionen im Wandel, Bd. 10)

Autoritäre Regime haben auch nach vier Jahrzehnten in der „Dritten Welle“ demokratischer Transitionen Hochkonjunktur. Während noch in den 1990er Jahren Erwartungen an eine universelle Demokratisierung in der Dritten Welt und in den sowjetischen Nachfolgestaaten überwogen, zeigt die aktuelle empirische Realität in so unterschiedlichen Ländern wie China, Weißrussland, Ägypten, Kirgistan und Kuba, dass nicht-demokratische Formen politischer Herrschaft auch angesichts umfassender globaler Herausforderungen robust und dauerhaft sind.
Autoritarismus Reloaded schließt an aktuelle internationale Debatten in der Vergleichenden Politikwissenschaft an und beschäftigt sich in theoretischen Arbeiten, Länderstudien und vergleichenden Analysen mit dem Phänomen autoritärer Regime im postsowjetischen Raum, im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und in Lateinamerika. In 17 Beiträgen diskutieren die Autoren neuere theoretische Ansätze und empirische Erkenntnisse über die Staaten und institutionellen Ausprägungen politischer Herrschaft, Fragen politischer Legitimation und Kultur sowie Stabilitätsbedingungen und Wandlungsprozesse. Die Beiträge in diesem Band zeigen auf, dass autoritäre Regime – entgegen früherer Annahmen in der Autoritarismusforschung – anpassungsfähig sind, moderne politische Institutionen etablieren und ausgeprägte Modernisierungs- und Legitimationsstrategien entwickeln.

Tübinger Studie belegt: Deutschland wird Vize

Interdisziplinäres Forscherteam der Universität Tübingen prognostiziert Ausgang der Fußball-Weltmeisterschaft

Tübingen, 02.06.2010 +++ Ein Team aus Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern der Eberhard Karls Universität Tübingen hat pünktlich zur anstehenden Fußball Weltmeisterschaft eine Studie über den Ausgang der FIFA WM veröffentlicht. Die Besonderheit der Studie ist ihr ganzheitlicher Blickwinkel. So fußen die Ergebnisse auf sportlichen Variablen, berücksichtigen aber auch den Einfluss von Politik, Ökonomie, Kultur und vielem mehr auf den sportlichen Erfolg. Laut Studie wird Brasilien Weltmeister, Deutschland Zweiter, vor Frankreich und Italien. Im Viertelfinale scheitern Niederlande, England, Spanien und Portugal. Die Wahrscheinlichkeit der Prognose liegt bei 75%.

Prof. Dr. Josef Schmid vom Institut für Politikwissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen nennt die Gründe für den speziellen Ansatz: „Es existieren eine Vielzahl an Prognosen über den Ausgang der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft. Was sie eint: ihr eindimensionaler Zugriff. Sportlicher Erfolg wird allein mit fußballerischen Faktoren erklärt. Diesen Prognosen setzen wir bewusst eine deutlich vielschichtigere entgegen, die neben den sportlichen Faktoren eine Vielzahl polit-ökonomischer, sozio-geographischer, religiöser und psychologischer Variablen in die Analyse mit einbezieht – und so eine treffendere Aussage über den Ausgang des Turniers machen kann. Wir können das durch die Retrospektive auf vier vergangene Fußball-Weltmeisterschaften belegen. Ein erstes Fazit: Erfolg ist pfadabhängig.“

So haben die Wissenschaftler ein ausgeklügeltes Rechenmodell entwickelt – und dessen Erklärungskraft und Validität auch anhand der vergangenen WM-Turniere überprüft. Mit großem Erfolg: retrospektiv können die Wissenschaftler mit ihrem Modell die vergangenen vier Weltmeisterschaften zu 75% korrekt rekonstruieren. Dabei fließen auch der Verlauf des Wettbewerbs und die Einteilung der Gruppen mit in die Analyse ein.

Schaubild 1: Die prognostizierten Platzierungen 2010 auf einen Blick (nach Spielplan)

Weltmeister Brasilien
Vize Deutschland
3. Frankreich
4. Italien
Viertelfinale Niederlande, England, Spanien,Argentinien
Achtelfinale Portugal, Serbien, Südafrika, Griechenland, Kamerun, USA, Parguay, Schweiz

Das Tübinger Forscherteam stützt seine Analyse auf ein breites Variablen-Set. Neben fußballerischen Variablen (WM-Teilnahmen, WM-Platzierungen, FIFA-Punkte, UEFA-Koeffizient, Heimvorteil und Zugehörigkeit zu FIFA-Gruppen) fallen besonders polit-ökonomische (BIP/Kopf, GINI-Koeffizient, Human Development Index, Freedom House Freedom in the World Index und die Anzahl registrierter Fußballer) sowie sozio-geographische Variablen (Katholikenanteil, Entfernung zu London und nach Chichén Itza, aber auch die Kontinentalzugehörigkeit)  ins Gewicht. Dabei zeigt sich, dass es nicht die Mannschaften mit dem stärksten Kader oder den stärksten Fußballligen sind, die bei dieser Weltmeisterschaft erfolgreich abschneiden werden, sondern die Alteingesessenen des Fußballgeschehens.

Die komplette Studie steht hier zum Download bereit


Categories