Archive for the 'Authoritarian political systems' Category



Stabilität und Wandel autoritärer Regime – Syrien und darüber hinaus

Unter dem Titel “Wann fällt Assad? Anatomie einer Diktatur” stand die Sendung “Der Tag” in HR2 am 04.04.2011. In mehreren Beiträgen, unter anderem von Guido Steinberg (SWP) und Peter Steinbach (Universität Mannheim) wurde insbesondere am Beispiel Syriens der Frage nach Stabilität und Wandel autoritärer Regime nachgegangen. Besonders relevant ist dabei die politikwissenschaftlich-theoretische  Perspektive nach Faktoren von Persistenz und Wandel, welche im letzten Beitrag diskutiert wurde.

Ein politisches Regime erhebt den Anspruch und hat die Aufgabe einen Staat zu lenken, zu steuern. Dazu gehört im klassischen politikwissenschaftlichen Verständnis, dass das Regime mithilfe des Gewaltmonopols Herrschaft über ein Staatsterritorium und ein Staatsvolk ausübt. Denkt man ausder Perspektive der BürgerInnen eines Staates, so verknüpfen sie mit Staat und Regierung bestimmte Ansprüche und Aufgaben, unter anderem der Garantie innerer und äußerer Sicherheit, der Gewährleistung eines bestimmten Grades an Wohlfahrt, Infrastruktur, politischer und kultureller Integration. Sehr verkürzt könnte man argumentieren, dass ein Regime solange persistent ist, solange es ein aus Sicht der BürgerInnen ausreichendes MAß an Performanz hinsichtlich dieser Funktionen hat…

Darüber hinaus zeichnen sich aus politikwissenschaftlicher Perspektive vier zentrale Faktoren für Persistenz und Wandel ab:

  1. Politische Legitimität
  2. Modernisierungs- und Anpassungsfähigkeit
  3. Repressionsfähigkeit
  4. Externe Einflüsse

Da sich in der Regel für jedes Regime spezifische Konfigurationen der vier Faktoren identifizieren lassen, ist es schwierig, allgemeine Aussagen über Zeitpunkte von Überdauern und Wandel zu treffen. Sicher ist jedoch, dass in Diktaturen ein Mangel an Legitimität, Unterstützung sowie Modernisierungsfähigkeit meist mit Repression ausgeglichen wird. Wie lange ein Regime dazu in der LAge ist, eine Bevölkerung zu unterdrücken, hängt dann von der Repressionskapazität – insbesondere der Kontrolle über Militär und Geheimdienste – und der möglichen externen Intervention ab.

Hören Sie die komplette Sendung von HR2 “Der Tag” vom 04.04.2011 mit dem Titel “Wann fällt Assad? Anatomie einer Diktatur”

Ein paar Literaturvorschläge:

  • Gandhi, Jennifer (2008): Political Institutions under Dictatorship. New York: Cambridge University Press.
  • Gandhi, Jennifer / Przeworski, Adam (2006): Cooperation, Cooptation, and Rebellion under Dictatorships. Economics & Politics 18, 1, S. 1-26.
  • Geddes, Barbara (1999): What We Know About Democratization After Twenty Years? Annual Review of Political Science 2, S. 115-144.
  • Hadenius, Axel / Teorell, Jan (2007): Pathways from Authoritarianism. Journal of Democracy 18, 1, S. 143-156.
  • Schlumberger, Oliver (2004): Political Liberalization, Authoritarian Regime Stability, and Imitative Institution-Building: Towards a Formal Understanding. Konferenzpapier, präsentiert im 5. Mediterranean Social and Political Research Meeting am Robert Schuman Centre, European University Institute, Florenz.
  • Schlumberger, Oliver (Hrsg.) (2007): Debating Arab Authoritarianism. Dynamics and Durability in Nondemocratic Regimes. Palo Alto: Stanford University Press.

Bad Guys, Good Governance? Ein Konferenzbericht von der IPSA-ECPR Joint Conference, 16.-19.Februar 2011 in Sao Paulo, Brasilien.

Bei der gemeinsamen Konferenz der International Political Science Association (IPSA) und dem European Consortium on Political Research (ECPR) vom 16.-19-Februar 2011 in Sao Paulo, Brasilien organisierten Daniel Buhr und Rolf Frankenberger ein Panel und hielten zwei Vorträge.

Ausgangspunkt des von Daniel Buhr und Rolf Frankenberger geleiteten Panels  „Bad Guys, Good Governance? Political Economies of Autocracies“ war die immer wieder diskutierte These Ronald Wintrobes: „Autocracies have a greater capacity for action, good or bad“ (Wintrobe 1998:338). Damit rückte die Frage nach Mechanismen von Koordination, Regulation und Steuerungsleistungen an der Schnittstelle von Politik, Ökonomie und Gesellschaft ins Zentrum des Interesses der politischen Ökonomie. Genau hier setzten auch die Beiträge des Panels aus ganz unterschiedlichen Perspektiven an.

In ihrem stark theoretisch-konzeptionell ausgerichteten Beitrag „Varieties of (incorporated) capitalism” brachten Daniel Buhr und Rolf Frankenberger zwei zentrale Forschungsrichtungen zusammen, um sich den Governance-Mustern in Autokratien zu nähern.  Dabei argumentierten sie, dass Autokratien spezifische Governance-Modi entwickeln, um eine für die Vermeidung von Gewaltanwendung ausreichend hohe ökonomische Performanz zur Herrschaftssicherung zu erzielen. Autokratien tendierten dazu, die ihnen zur Verfügung stehenden Rohstoffe und Produkte über den Wettbewerb an den internationalen Märkten zur Wohlfahrtsmaximierung zu nutzen. Dabei sei die kapitalistische Perspektive im Unterschied zu anderen, demokratischen Systemen eine ausschließlich externe, während nach innen durch Kooptation und Zwang kompetitive Vorteile generiert würden. Aus dieser Perspektive werde die Maximierung von Einkommen zur Wohlfahrtsfunktion und Staaten ähnelten so Unternehmen. Durch diese Erweiterung des traditionellen Varieties of Capitalism-Ansatzes von Hall und Soskice um Kapitalismen in autokratischen Systemen werde es möglich, eine weitere Welt des Kapitalismus zu konzeptionalisieren. Der Typus des Inkorporierten Kapitalismus operiere nach innen durch bürokratische oder patrimoniale Governance-Modi (Kooptation von Unternehmen durch den Staat), während er nach außen hoch kompetitiv agiere, um ein Maximum an privaten und öffentlichen Gütern zu generieren.

Krister Lundell von der Åbo Akademi University in Helsinki beschäftigte sich in seinem Vortrag “Autocratic Stability and Democratization“ mit den Bedingungen autoritärer Stabilität und demokratischer Perspektiven. Dabei berücksichtigte er in seinem Vergleich von 39 stabilen und 38 ehemaligen Autokratien insbesondere Governance-Faktoren und ökonomische Performanz dieser Regime. Dabei konnte hinsichtlich des Entwicklungsstands kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen nachgewiesen werden. Dies spreche, so Lundell einerseits dafür, dass auch Autokratien einen gewissen Modernisierungsgrad aufweisen müssten, um stabil zu sein und widerlege andererseits das modernisierungstheoretische Mantra, Entwicklung führe automatisch zu Demokratisierung. In Bezug auf ökonomische Freiheit konnte er für ehemalige Autokratien einen höheren Wert nachweisen, was zwar für einen höheren Grad an internem Kapitalismus spricht, aber offensichtlich keine Auswirkungen auf die Gesamtperformanz der jeweiligen Ökonomien hat. Dies deutet darauf hin, dass in beiden Gruppen unterschiedliche Steuerungsmechanismen und Governance-Muster exisitieren, die jedoch ähnlich performant sind.

Unter dem Titel “The Political Economy of Social Violence” stellten Kristian Hoelscher von der Unviersität Oslo und Sean Fox von der London School of Economics and Political Science die Ergebnisse einer Querschnittuntersuchung zum Zusammenhang zwischen Regimetypen und sozialer Gewalt vor. Trotz  nicht immer befriedigender Datenlage und diskutabler Auswahl und Operationalisierung der unabhängigen Variablen konnten sie eindrucksvoll aufzeigen, dass insbesondere solche Regime anfällig für soziale Gewalt sind, die sich in der Grauzone zwischen Demokratien und Autokratien bewegen. Interessanterweise waren es die o genannten „partial democracies“, die am meisten von sozialer Gewalt betroffen sind, während konsolidierte Demokratien und Autokratien mit deutlich geringeren Ausmaßen sozialer Gewalt, gemessen an Morden pro 100000 Einwohnern, zu kämpfen haben. Die Ergebnisse der Studie weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Regimetyp, Armut, Ungleichheit, ethnischer Fraktionalisierung und sozialer Gewalt hin, deren kausales Verhältnis, so die Autoren, nun weiter untersucht werden müsse.  Es gebe jedoch deutliche Hinweise, dass schwache Insitutionalisierung und unsichere Entwicklungsperspektiven wichtige Erklärungsfaktoren seien. Diese Befunde stützen zumindest teilweise die These Wintrobes und zeigen deutlich, dass Autokratien auch enorme soziale Steuerungsleistungen erbringen können.

Zwei Kurzpräsentationen ergänzten das Panel um weitere inhaltliche Dimensionen. Steffen Jenner, Mathias Gabel (Universität Tübingen), Stephan Schindele (ESB Business School Reutlingen) und Gabriel Chan (Harvard University) untersuchten anhand der stetig mehr Energie benötigenden BRIC-Staaten, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Governance-Modi und der Angebotssicherung von Energie existiert. Bei der Analyse zeigte sich, dass in beiden Autokratien – Russland und China –  eine starke räumliche Ballung der Energieproduktion zu finden ist. Darüber hinaus kontrollierten Russland 96 und China 100 Prozent der nationalen Energienetze. Im Gegensatz dazu sei das indische Staatssystem (48%) mit starker privater Konkurrenz konfrontiert, während in Brasilien 64% der urbanen Versorgung staatlich sein und ansonsten lokale, dezentralisierte Netze dominierten.  Damit sei der Befund eindeutig: In Autokratien findet sich stärkere Konzentration und umfassende staatliche Kontrolle des Energiesektors und damit ein distinkter Governance-Modus, kurz: „Power is nothing without control“.  Dieser Befund lässt sich indirekt auch auf die Inkorporation von Innovationssystemen in Autokratien bestätigen, wie Patricia Graf von der Universität Potsdam am Beispiel Mexikos unter der Partido Revolucionario Institucional (PRI) aufzeigte. Die Inkorporation des Innovationssystem könne als ein Musterbeispiel sektoraler  Herrschaftsstabilisierung und Legitimierung gelten, habe es sowohl eine langfristige als auch sehr breite Wirkung entfaltet. Dies sei  insbesondere durch die Einbindung aller relevanten Akteure aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Bauernverbänden sowie der Schaffung von Institutionen  bei gleichzeitiger Verhinderung horizontaler Netzwerke geschehen. Letztlich, so Graf, sei dieses System auch nach der Demokratisierung Mexikos persistent und perpetuiere so autoritäre Governance-Modi.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sowohl die konzeptionellen Überlegungen als auch die empirischen Befunde fruchtbare Perspektiven zur Erforschung politischer Ökonomien von und in Autokratien eröffnen. Es wurde auch diskutiert, dass es weiteren Bedarf an empirischer und dabei insbesondere auch qualitativer Forschung gibt, es aber auch konzeptioneller Verfeinerung bedarf, um „Good Governance in Bad Worlds“ präziser zu fassen.  Dabei wurde unter anderem eine schlüssige Konzeptionalisierung und Unterscheidung von Autokratietypeneingefordert, um unterschiedliche Governance-Modi  klarer fassen zu können. Wie so oft gilt auch hier: Further research needs to be done!

Bad Governance? Ein – etwas verspäteter – Tagungsbericht

Ein Bericht vom Panel der Themengruppe „Vergleichende Diktatur- und Extremismusforschung“ bei der Sektionstagung „Vergleichende Politikwissenschaft“ der DVPW, 20.-22.9.2010, Duisburg.
Unter dem Titel „Bad Governance? Politik und Ökonomie in Autokratien“ organisierten und moderierten für die Themengruppe Daniel Buhr und Rolf Frankenberger (Universität Tübingen) ein eigenes Panel. Während klassische Definitionen von Regieren in der Regel nur in demokratischen Gesellschaften, und häufig unter einer normativ geprägten Perspektive (Good Governance) analysiert werden, erschien es lohnenswert, folgende Fragestellungen unter einem ganz im Weberschen Sinne neutralen analytischen Blickwinkel zu betrachten und auf moderne Autokratien auszuweiten:
(1) Wie gestalten sich die Interaktionsmuster von Politik und Ökonomie in modernen Autokratien?
(2) Gibt es in autokratischen Systemen ähnliche Steuerungsmechanismen wie in demokratischen Systemen – oder bilden sich spezifische Governancemuster heraus?
(3) Wer sind die zentralen Akteure und Netzwerke obiger Austauschbeziehungen?
Mit diesen Leitfragen an der Schnittstelle von Diktatur und Kapitalismus setzten sich die Referenten jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Dabei lag der Fokus des Panels neben konzeptionellen Überlegungen vor allem auf der Analyse von Entwicklungen und Prozessen der Steuerung in Zentralasien, in China und dessen Nachbar-staaten sowie der Energiepolitik Russlands und Chinas im Vergleich.
Nach einer kurzen Einführung widmete sich Jörg Faust vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) der Frage, warum einige Autokratien über längere Zeiträume über-durchschnittlich stark wachsen und so die Versorgung mit öffentlichen Gütern verbessern und damit letztlich „attraktive Fälle“ bzw. Vorbilder für solche Regierungen darstellen, die Demokratisierung scheuen. Auf der Basis von Überlegungen und Erkenntnissen von Public Choice und Selectorate Theorie entwickelte Faust die These, dass die Erfolge nur damit zu erklären sind, dass insbesondere so genannte „kompetitive Autokratien“ partielle Ähnlichkeiten bzw. funktionale Äquivalenz zu Demokratien aufweisen und ähnliche Mechanismen nutzen, um auf diese Weise von einer verbesserten Bereitstellung öffentlicher Güter zu profitieren. Die Unterschiede zwischen den Autokratien führt Faust auf Divergenzen hinsichtlich der Inklusivität und der Existenz von Checks & Balances zurück, wobei gilt: je höher die Inklusivität und je größer die Checks & Balances in Autokratien, desto besser die Performanz. Regime mit ho-hem Grad an organisatorischer Institutionalisierung und geringer Abhängigkeit von einem Führer stellen den Typus „attraktiver Autokratien“ dar, welche anhand der Fallbeispiele Mexiko (1945-1965) sowie gegenwärtiges China illustriert wurden.
Auch Julia Bader vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) argumentierte auf der Basis der Selectorate Theorie, um eine neue Perspektive auf autokratische Stabilität zu eröffnen. Dabei rückte sie die Frage externer Systemproliferation ins Zentrum ihrer Untersuchung und entwickelte die These, dass Autokratien leichter zu beeinflussen und auszubeuten sind, da die Machthaber in solchen Regimen vergleichsweise weniger auf die Verteilung und Produktion öffentlicher Güter zurückgreifen können, indes von der Verteilung privater Güter abhängig sind. Je kleiner die gesellschaftliche Basis des Regimes, desto abhängiger ist das Regime von der Befriedigung der Interessen durch die Verteilung privater Güter, die wiederum generiert werden müssen (etwa durch politische Renten). Bader illustrierte am Beispiel der Außenpolitik Chinas ge-genüber der Monglolei, Kambodscha und Burma, wie die Größe der gesellschaftlichen Basis des jeweiligen Regimes die Einstellungen gegenüber der Ein-China-Politik, dem Zugang zu Ressourcen und geostrategischen Interessen beeinflusst. Während sich das mongolische Regime mit seiner breiten Herrschaftsbasis chinesischen Interessen wi-dersetzt, erweisen sich die Regime mit kleiner Machtbasis – Burma und Kambodscha – als fügsame Partner.
Den Fokus auf Herrschafts- und Umverteilungsmechanis-men im zentralasiatischen Raum legte Inna Melnykovska von der Universität Kiel mit der Vorstellung von Ergebnis-sen eines gemeinsamen Projekts mit Andrea Gawrich (Universität Kiel) und Rainer Schweickert (Kiel Institute for the World Economy) unter dem Titel „More than Oil and Democracy“. Da auf der Basis einer Regressionsanalyse hinsichtlich des Einflusses von Resourcenrenten, internationaler Finanzhilfen, interner Spannungen und Konflikte, Kohä-sionsgraden und der Distanz zu westlichen Integrationssysteme auf die Qualität von Governance (WBGI-Indikator) sich im postsowjetischen Raum große Heterogenitäten und unerklärte Abweichungen zeigten, müsse eine weitere Einflussgröße für diese Varianz verantwortlich sein. Melny-kovska argumentierte, die regionalen und länderspezifischen Unterschiede in Governance-Mustern ließen sich über die Dimension des Neopatrimonialismus erklären und schlug eine Klassifikationsmatrix entlang der Dimensionen politischer Wettbewerb, informelle und formale Machtak-kumulation sowie paternalistische Mentalitäten vor, die eine Einteilung in sultanistische (Usbekistan, Turkmenistan), oligarchische (Kirgisistan, Kasachstan, die Ukraine vor der Revolution, Russland (Jelzin), bürokratische (Russland seit Putin) und softe Neopatrimonialismen (Georgien, die Ukraine nach der Revolution, Moldawien) erlaube und so unterschiedliche Governance-Mechanismen beleuchten könne.
Einen gänzlich anderen Blickwinkel auf Governance-Strategien in Autokratien nahm Stephan Ortmann von der FernUniversität Hagen ein. Er stellte die Ergebnisse einer Untersuchung chinesischer Fachliteratur vor, die sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit chinesische Offizielle und Wissenschaftler sich mit Singapur, dem Erfolgsmodell au-toritärer Entwicklung der letzten Jahre, auseinandersetzen. Damit rückte er die Lernfähigkeit des chinesischen Regimes ins Zentrum seines Interesses und kam zu dem Ergebnis, dass das Singapur-Modell chinesischen Offiziellen als Leitbild dient(e) und dass chinesische Wissenschaftler sich umfassend mit den Erfolgsfaktoren dieses Modells auseinandersetzen, u.a. die rigorose Bekämpfung von Kor-ruption durch konsequente Verfolgung derselben. Ortmann kam zu dem Schluss, dass China substantielle politische Reformen sowie ein schnelles Vorgehen gegen die zuneh-mende Korruption einleiten müsste, um dem Singapur-Modell zu folgen. Allerdings sei nicht erkennbar, dass die Kommunistische Partei Chinas zu Reformen bereit sei, was einen Erfolg unwahrscheinlich mache.
Den Blick von China auf die Frage der Energieversorgung und Energiesicherheit in Autokratien weitend, stellte Steffen Jenner von der Universität Tübingen ein gemeinsam mit Mathias Gabel (Universität Tübingen), Gabriel Chan (John F. Kennedy School of Government, Harvard University) und Stephan Schindele (HSB Business School Reutlin-gen) durchgeführtes Projekt zu Governance und Energiesi-cherheit in den BRIC-Staaten vor. Ausgehend von einer wachsenden Nachfrage nach Energie stelle sich die Frage, ob es seine Beziehung zwischen Governance-Modi und der Herstellung von Energiesicherheit gebe, wobei normaler-weise vier Maßnahmen im Mittelpunkt stünden: Bildung von Reserven, Sicherung des Netzes, Dekonzentration und Dezentralisierung der Produktionsstätten. Als gemeinsames Muster ließ sich identifizieren, dass alle Regierungen der BRIC-Staaten die Mehrheitsanteile an den nationalen Öl- und Gasunternehmen hielten, während sich hinsichtlich des Versorgungsnetzes deutliche Unterschiede zeigten, die mit dem Autokratiegrad korrelierten: Einerseits besitzen Russ-land 96% und China 100% des nationalen Versorgungs-netzes, während Indien 48% besitze und starker Konkurrenz ausgesetzt sei und Brasiliens rurale Regionen von lo-kalen Netzen abhingen. China und Russland produzierten im Vergleich zu Brasilien und Indien zudem mehr als vier-mal mehr Energie und konzentrierten ihre Produktion zum Zwecke der Kontrolle. Das für Autokratien generell gelten-de Governance-Muster der umfassenden Kontrolle stelle somit das zentrale Steuerungsmittel für die Herstellung von Energiesicherheit.
Den Abschluss des Panels bildete eine offene Diskussion, in der mehrere Punkte herausgehoben wurden. Erstens, dass es eine ganze Reihe hoch interessanter Forschungsansätze gibt, welche sich bemühen, sich dem Verhältnis von Politik und Ökonomie in Autokratien empirisch wie konzeptionell zu nähern. Insbesondere ökonomische Theorien scheinen dabei aufgrund ihres zunächst wertfreien Zugriffs beson-ders geeignet zu sein. Daher sollten diese in Zukunft auch verstärkt in die Untersuchung von Autokratien eingebun-den werden. Zweitens erscheint die Perspektive der Steue-rung ein erstaunlich fruchtbarer Zugriff auf informelle Prozesse und Strukturen in Autokratien zu sein. So erscheinen unterschiedliche Formen des Neopatrimonialismus in die-sem Lichte als komplexe Regelungs- und Umverteilungssysteme innerhalb autoritärer Gesellschaften. Verbindet man etwa die präsentierten Ansätze der Selectorate Theory mit Ansätzen neopatrimonialer Herrschaft, so erscheinen letztere als Mechanismen der Verknappung oder Verbreite-rung der Basis politischer Herrschaft, also des Selectorate, und ermöglichen eine Unterscheidung politischer Systeme jenseits des Vorhandenseins bzw. der Abwesenheit demokratischer Merkmale, wie Jörg Faust und Rolf Frankenberger betonten. Drittens werden alle Kernfragen tangiert, die in der vergleichenden Analye politischer Systeme – seien es Demokratien oder Autokratien – virulent sind: Perfor-manz, Responsivität, Accountability, Legitimität und nicht zuletzt die Frage nach der Grundausrichtung der Beschäftigung mit Autokratien. Soll diese aus einer normativ geprägten demokratisierungstheoretischen Perspektive der Wünschbarkeit von Demokratisierung und der Ergründung der Bedingungen einer solchen heraus geschehen oder soll zunächst das distanzierte Erfassen, Analysieren und Verstehen der vorgefundenen Phänomene im Vordergrund stehen. Und nicht zuletzt erscheint die Frage der Typologisierung politischer Systeme nicht gelöst.

Tagung der Sektion „Vergleichende Politikwissenschaft“ der DVPW

Thema der diesjährigen Sektionstagung vom 20.09-22.09.2010 in Duisburg ist “Regieren, Government, Governance – Institutionen, Akteure und Politikfelder in Vergleichender Perspektive”. Das ausführliche Programm findet sich hier. Bei der Tagung werden Daniel Buhr und ich das Panel “Bad Governance – Politik und Ökonomie in Autokratien” leiten. Folgende Beiträge stehen auf der Tagesordnung:

  • Dr. Jörg Faust (DIE): Political Order and Economic Development. Democracy’s Dividend vs. Attractive Democracies [Jörg Faust musste seine Teilnahme aufgrund anderer Verpflichtungen absagen]
  • Julia Bader (DIE): The Selectorate theory, domestic distribution and the external exploitation of autocratic governments
  • Andrea Gawrich, Inna Melnykovska (Christian-Albrechts-Universität Kiel), Rainer Schweickert (Kiel Institute for the World Economy): More than Oil and Geography – Neopatrimonialism as an Explanation of Bad Governance and Autocratic Stability in Central Asia
  • Stephan Ortmann (FernUniversität Hagen):The Futire of the Authoritarian Developmental State. China and the “Singapore model”
  • Steffen Jenner, Mathias Gabel (Eberhard Karls Universität Tübingen), Gabriel Chan (John F. Kennedy School of Government, Harvard University) Stephan Schindele (HSB Business School Reutlingen):Machiavelli zieht den Stecker!

Autoritarismus reloaded

Out now:

Holger Albrecht / Rolf Frankenberger (2010) (Hrsg.): Autoritarismus Reloaded. Neuere Ansätze und Erkenntnisse der Autokratieforschung, Baden Baden: Nomos, 408 S., brosch., 44,– €, ISBN 978-3-8329-5541-0 (Weltregionen im Wandel, Bd. 10)

Autoritäre Regime haben auch nach vier Jahrzehnten in der „Dritten Welle“ demokratischer Transitionen Hochkonjunktur. Während noch in den 1990er Jahren Erwartungen an eine universelle Demokratisierung in der Dritten Welt und in den sowjetischen Nachfolgestaaten überwogen, zeigt die aktuelle empirische Realität in so unterschiedlichen Ländern wie China, Weißrussland, Ägypten, Kirgistan und Kuba, dass nicht-demokratische Formen politischer Herrschaft auch angesichts umfassender globaler Herausforderungen robust und dauerhaft sind.
Autoritarismus Reloaded schließt an aktuelle internationale Debatten in der Vergleichenden Politikwissenschaft an und beschäftigt sich in theoretischen Arbeiten, Länderstudien und vergleichenden Analysen mit dem Phänomen autoritärer Regime im postsowjetischen Raum, im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika und in Lateinamerika. In 17 Beiträgen diskutieren die Autoren neuere theoretische Ansätze und empirische Erkenntnisse über die Staaten und institutionellen Ausprägungen politischer Herrschaft, Fragen politischer Legitimation und Kultur sowie Stabilitätsbedingungen und Wandlungsprozesse. Die Beiträge in diesem Band zeigen auf, dass autoritäre Regime – entgegen früherer Annahmen in der Autoritarismusforschung – anpassungsfähig sind, moderne politische Institutionen etablieren und ausgeprägte Modernisierungs- und Legitimationsstrategien entwickeln.


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