Archive for the 'Didactics teaching and coaching' Category

Forschungsmethoden und Forschendes Lernen in der Politikwissenschaft

Forschen bedeutet Probleme zu lösen. Dies können wissenschaftliche oder gesellschaftliche Probleme sein. In der wissenschaftlichen Bearbeitung solcher Probleme stellen Theorien und Methoden wichtige Elemente der Problemlösung dar und sollten daher auch immer problemorientiert (vgl. Shapiro 2002, 597), oder noch viel besser: problemlösungsorientiert sein. In der Wissenschaft sind Methoden neben Theorien von zentraler Bedeutung bei der Erzeugung neuer Erkenntnisse über die Welt. Sie dienen dazu, Informationen über die Welt zu sammeln und diese auszuwerten – nach klar formulierten, nachvollziehbaren Regeln. Sie ersparen der Forscher:in jedoch nicht das Denken, sondern sind im Gegenteil dazu da, das Denken in geordnete und im Forschungsprozess anwendbare Bahnen zu lenken, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die empirisch verankert sind. Sie beruhen auf der Erfassung und Analyse der Welt, wie sie uns durch die Anwendung von Methoden erscheint. Forschungsmethoden in diesem Sinne sind daher auch ein Kernbestandteil der universitären Lehre. Denn um Wissenschaft betreiben zu können ist Methodenkompetenz unerlässlich. Das bedeutet, Methoden zu kennen und sie dahingehend einschätzen zu können, wofür sie intelligente Werkzeuge darstellen – für die Beantwortung welcher Forschungsfragen sie geeignet sind. Und es bedeutet, Erfahrungen mit der Anwendung von Methoden zu sammeln, ihre Stärken und Schwächen kennen zu lernen.

Forschen und Lernen sind Prozesse. Prozesse in denen die Beteiligten auf zweierlei Arten lernen. Sie erzeugen erstens neue Erkenntnisse über die Welt, und sie lernen und verbessern zweitens ihre Kompetenzen in der Anwendung von Theorien und Methoden zur Lösung von Problemen. Der Ansatz des Forschenden Lernens verbindet diese beiden Dimensionen des Lernens und formuliert die praktische Erfahrung als zentrales didaktisches Prinzip. Sich komplexe und mitunter abstrakte Inhalte und Themen in einem Forschungsprozess aktiv und in der alltäglichen Anwendung zu erarbeiten, ermöglicht nicht nur ein direktes Verständnis von Wissenschaft, Forschung und Forschungsmethoden, sondern auch ein Verständnis für die untersuchten politischen Probleme und deren Lösungen (vgl. Dewey 1938). Es ergibt sich also der angesprochene doppelte Erkenntnisgewinn.

Gerade in der politikwissenschaftlichen Methodenausbildung leistet die systematische Verknüpfung von Forschung und Lehre im „learning by doing“ einen wertvollen Beitrag zur Vertiefung von Forschungskompetenzen. Im Unterschied zu anderen Einführungsbüchern in politikwissenschaftliche Forschungsmethoden ist dieses Buch daher dezidiert an den Prinzipien des Forschenden Lernens ausgerichtetet und stellt Forschungsprozesse im Allgemeinen und die Anwendung von Methoden in Forschungsprozessen im Besonderen in den Mittelpunkt. Neben grundlegenden wissenschaftstheoretischen und methodologischen Überlegungen rekonstruieren und reflektieren die Autor:innen real durchgeführte Forschungsprojekte. Sie dienen der Anschauung, wie Theorien und Methoden als Handwerkszeuge zur Erzeugung wissenschaftlichen Wissens verwendet werden können und welche Bedeutung sie im konkreten Projekt hatten. Zudem reflektieren die Autor:innen, wie sie mit Herausforderungen während des Forschungsprozesses umgegangen sind und auftauchende Probleme gelöst haben.

Rolf Frankenberger (Hrsg.) (2023): Grundlagen der Politikwissenschaft. Forschungsmethoden und forschendes Lernen. Stuttgart: Kohlhammer.

https://shop.kohlhammer.de/grundlagen-der-politikwissenschaft-40192.html#147=19

Rechtsextremismus und Rechtsextremismus-Prävention

Politischer Extremismus und extremistische Einstellungen sind zentrale Gegenstände politikwissenschaftlicher Forschung und herausfordernde Problemstellungen politischer Bildungsarbeit – oder sollten es zumindest sein. Denn politischer Extremismus stellt die jeweils existierende gesellschaftliche und politische Ordnung infrage, innerhalb derer er existiert. Als extrem gelten in
diesem relationalen Verständnis diejenigen AkteurInnen, deren Ansichten, Einstellungen, Handlungen, Ziele und Methoden von der Mehrheit der Gesellschaft nicht geteilt werden (vgl. Breton et al., 2002, S. xi).

Wendet man dies konkret auf demokratisch verfasste Gesellschaften wie Deutschland an, sind ExtremistInnen diejenigen politischen AkteurInnen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mit den darin verankerten Normen der Menschenrechte, des Pluralismus und der Gewaltenkontrolle verstoßen, sie infrage stellen oder abschaffen wollen (vgl. Jaschke, 2001, S. 25; Jesse, 2018, S. 31 f.).

Rechtsextremismus als Ideologie der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit verbunden mit einer dezidierten Gewaltaffinität (vgl. Heitmeyer et al., 1992) ist eine Erscheinungsform des politischen Extremismus, die gerade auch vor dem historischen Hintergrund des Nationalsozialismus in Deutschland von besonders kritischer Bedeutung ist.

Zusammen mit Gudrun Heinrich werde ich in unserem Beitrag zum Band “Politikwissenschaft trifft Politikdidaktik” ausgehend von einer Darstellung der wissenschaftlichen Begriffsbildung und der Entwicklungslinien der Rechtsextremismusforschung die Relevanz des Themas Rechtsextremismus für die LehrerInnenbildung diskutieren. Neben den besonderen Herausforderungen des Auftretens rechtsextremer Einstellungen bei LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen gleichermaßen, der langfristigen Perspektive politischer Bildung und der Themenauswahl werden mögliche Inhalte der akademischen LehrerInnenbildung kritisch reflektiert. Abschließend diskutieren wir ausgewählte Herausforderungen und Perspektiven für Fachdidaktik und politische Bildung im Themenfeld Rechtsextremismus.

Frankenberger, Rolf und Gudrun Heinrich (2022): Rechtsextremismus und Rechtsextremismus-Prävention. In: Hans-Jürgen Bieling, Benjamin Ewert, Michael Haus, Monika Oberle und Alexander Wohnig (Hrsg.): Politikwissenschaft trifft Politikdidaktik. Wiesbaden: Springer, pp. 47-58.

Local Governance and Welfare Production – a research course

Locals Politics makes the political system viable. It brings politics to the people. And it is especially the local level, where welfare is provided, and indeed produced. Starting from concepts of welfare, political systems and local governance, the aim of the seminar is to look at the (legal and structural) frameworks, actors and constraints of local welfare production from a systematic and comparative perspective.

Local welfare production and governance arrangements include public and private actors, such as administrations and NGOs. Local administrations usually have two roles in welfare production. First, they provide and distribute welfare (e.g., social security assistance) on behalf of the national or regional welfare system, and second, they produce welfare at their own responsibility (like childcare, and others) according to the principles of subsidiarity. Associations and NGOs often complement welfare provision on the local level, especially in areas where public administrations are weak or non-performant. So, a third sector arises and gains importance. Sometimes associations and NGOs act on behalf of administrations and are agents of welfare provision. Sometimes they offer their own services.

During the summer semester, Students from Petrozavodsk State University and Eberhard Karls University Tuebingen have conducted research projects to explore different aspects of local governance and welfare production. During a joint Fall School from 04-08. October 2021, they discussed and compared their results and present their core findings. In addition, there was a continued discussion on challenges and chances of local governance in providing welfare and better living conditions for their people.

The topics discussed included:

  • Local and interregional environmental initiatives
  • Politics and policies during the Covid-19-pandemic
  • Associations and organizations during the pandemic
  • Social and health issues during the pandemic

Several external partners from Universities, Civil Society and public administration contributet inputs to the discussion. Among others these were:

The Course and the Fall School were hosted by Prof. Elena Chernenkova, Petrozavodsk State University, Natalya Lavrushina, Karelian public diplomacy development foundation, and Dr. Rolf Frankenberger, University of Tuebingen.

The whole project was funded by the German Academic Exchange Service DAAD

Wettbewerbsorientierung und Strategiefähigkeit – die Zukunft der Wissenschaft?

Welche Chancen bieten Wettbewerbsorientierung und Strategien für die Zukunft des Wisenschaftssystems? Dieser Leitfrage und den damit verbundenen Teilaspekten gehen Verantwortliche und ExperInnen aus Wissenschaft und Politik im Rahmen einer Wissenschaftskonferenz des Netzwerk Exzellenz an deutschen Hochschulen der Friedrich Ebert Stiftung am 19. und 20. September in Berlin. Ziel ist die Identiikation von neuen Impulsen für die strategische Debatte in der Wissenschaft.

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Den Auftakt am Dienstag machten Edelgard Bulmahn, MdB und Hubert Heil, MdB mit einer Reflektion auf Stärken und Schwächen des Wissenschaftssystems. Danach gab Brian S. Mitchell, Professor an der Tulane University und Dean-in-Residence, Council of Graduate Schools / National Science Foundation, USA einen Impuls zu Wettbewerbsorientierung, Differenzierung und Profilbildung

In einer zweiten Runde gab Prof Dong Qi, ehemaliger Vize-Präsident der Tongji Universität Schanghai und Gesandter Botschaftsrat der VR China einen Einblick in die strategische Entwicklung des chinesischen Hochschulsystems. Die Frage der Strategiefähigkeit diskutierte er im Anschluss mit Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident Freie Universität Berlin, Steffen Krach, Staatssekretär für Wissenschaft der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin und mir.

Über Anreiz- und Finanzierungssysteme für Lehre diskuierten Walter Jansen, Maastricht University, Prof. Dr. Julia von Blumenthal, Dekanin, Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin und Dr. Sabine Behrenbeck, Leiterin Abt. Tertiäre Bildung, Leiterin Bereich Exzellenzinitiative, Wissenschaftsrat mit Prof. Jürgen Zöllner, Vorstand Stiftung Charité, Senator a.D.

Forschendes Lernen

Forschendes Lernen erfreut sich in der Hochschullehre zunehmender Beliebtheit. Es zeichnet sich dabei ähnlich wie aktives und situiertes Lernen durch eine Vernetzung von Wissen und Projekt- und Problemorientierung aus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Wissenschaftlichkeit des Vorgehens und es wird daher auch dezidiert Bezug auf wissenschaftliche Theorien und Methoden genommen. So definiert Euler (2005) Forschendes Lernen als das „aktive Erproben realer Handlungsabläufe unter Bezugnahmen auf persönliche Erfahrung und wissenschaftliche Theorien“. Das Durchlaufen eines vollständigen Forschungsprozesses konfrontiert Studierende unmittelbar mit der wissenschaftlichen Praxis und bietet so unschätzbare Lernerfahrungen.

Welche Grundlagen, Chancen und Herausforderungen mit forschendem Lernen verbunden sind, war Gegenstand eines von Daniel Lambach an der Universität Duisburg-Essen organisierten Workshops der Themengruppe Hochschullehre der DVPW am 15.September

Aus der Erfahrung mit mittlerweile zehn zweisemestrigen Lehrforschungsprojekten, die ich in den letzten Jahren an der Universität Tübingen (an)geleitet habe, zeigt sich jedoch auch, dass Forschendes Lernen in der praktischen Umsetzung eine Reihe von Herausforderungen an alle Beteiligten stellt, denen man sich als Lehrende und Lernende stellen muss. Diese Herausforderungen habe ich bei diesem Workshop vorgestellt und exemplarisch einige Lösungsansätze skizziert. Die Präsentation findet sich hier.

Informationen zum Workshop und zu Aktivitäten der Themengruppe finden sich auf dem Blog der Themengruppe Hochschullehre.

Literatur

  • Euler, D. (2005): Forschendes Lernen. In: Spoun, S.; Wunderlich, W. (Hrsg.): Studienziel Persönlichkeit. Beiträge zum Bildungsauftrag der Universität heute. Frankfurt am Main: Campus, S. 253–272
  • Kolb, D. (1984): experimental Learning. Experience as the Source of Learning and Development. Englewood Cliffs: Prentice-Hall
  • Westle, B. (2009) (Hrsg.): Methoden der Politikwissenschaft. Baden-Baden: Nomos
  • Wildt, J. (2009): Forschendes Lernen: Lernen im Format der Forschung. Journal Hochschuldidaktik, Jg. 20 (2009) Heft 2, S.4-8

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